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Nachtmusik

Er stand am Treppenhausfenster, starrte hinab in den finsteren Schlund des nächtlichen Hinterhofs. Kein Mond, kein Stern, nur Dunkel, Beklemmung, Kälte - und diese Musik.
Eine Musik, die ihm quälend vertraut war. Er wußte nicht, wie lange er schon so stand und lauschte, als er endlich die Melodie erkannte; unglaublich, sie jetzt zu hören, und dennoch gab es keinen Zweifel: irgendwo saß da jemand hinter einem der unbeleuchteten Fenster, saß da und spielte, immer wieder, diesen Akkord auf der Geige. Hamacher fröstelte. Wann hatte er dieses Stück zuletzt gehört?
Er wußte nur, daß es mit ihr zu tun, daß sie es gespielt hatte, damals, daß es ihr Lieblingsstück gewesen war. Wie gerne hätte er vergessen, so lange schon! Er wollte schon das Fenster schließen, die quälenden Töne aussperren, als das Geigenspiel plötzlich erstarb.
Nachts darauf stand er wieder am Treppenfenster, lauschte, traurig, in die Dunkelheit hinein. Er brauchte Gewißheit, mußte wissen, wer dieses Stück spielte - eine unsinnige Hoffnung glomm tief in ihm, die er sich nicht eingestehen wollte.
Es war nicht einfach, sich in dem nächtlichen Irrgarten des Häuserblocks zurechtzufinden. Über unbeleuchtete Korridore und Stiegenhäuser, düstere Höfe, über Mauern und Zäune, immer dem quälenden Klang der Musik nach, stand er endlich vor dieser Tür. Ganz nah war nun das Jammern der Geige, und als Hamacher auf das Türschild blickte, glaubte er für einen Augenblick den ehedem so vertrauten Namen dort zu lesen. Er mußte sich getäuscht haben - er wollte weggehen, doch da hatte sich sein Finger bereits selbständig gemacht, lag breit und schwer auf dem Klingelknopf. Astmathisch rasselte drinnen die Glocke. Eine sehr alte Glocke. Er wunderte sich, wie ein Musiker eine solche Lärmquelle in seiner Nähe dulden konnte. Er selbst war nicht besonders musikalisch, sein Gehör eher unempfindlich, dennoch versetzte ihm dies rostige Rasseln einen beinahe körperlichen Schmerz.
"So muß es sich anhören, wenn ein Toter hustet!" dachte Hamacher und biß sich auf die Zunge. Wieder fröstelte ihn - und diesmal schien es der Vorbote eines Schüttelfrostes zu sein. Ob er sich erkältet hatte? Drinnen verstummte die Musik. Schritte, leichte rasche Schritte huschten heran, IHRE Schritte!
Hamacher stand er kalte Schweiß auf der Stirn, er biß sich auf die Zunge, um nicht zu schreien, ahnte, welch fürchterlichen Anblick er bieten mochte, wäre am liebsten auf und davon, nur weg von dieser Tür. Doch da ging die Tür schon auf - zögernd, gerade einen Spalt weit, gehalten von der Sperrkette. Ihr Gesicht - Mund und Augen aufgerissen, ein Schrei - "Heinz! Nein!"
Dieser Schrei!
Er klang ihm noch nach, als die Tür ins Schloß gefallen war, als die Nachbarn auf dem Treppenabsatz zusammenliefen.
"Der Heinz! Ich hab' ihn gesehen! Der Heinz!"
"Aber Frau Hamacher!"
Jemand bekreuzigte sich.
Sie starrte ihn an, er wollte etwas sagen, wollte etwas sagen, aber was wollte er sagen?
Er klappte den Mund auf, wich zurück. Ganz langsam zurück in den Schatten.
"Das haben Sie sich nur eingebildet - ein Lichtreflex, ein Schatten, sowas kommt vor!"
Es war, als rissen die Worte Löcher in seine Eingeweide. "Er ist doch schon lange tot", sagte eine Nachbarin. "Damit müssen Sie sich abfinden, so schwer es auch fällt."
Wen kümmerte es, ob ER sich damit abfand?
(c) 1992 by Dieter Nennhuber. Alle Rechte vorbehalten.
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