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Alle fahren weg

Er hatte auch so schon Angst genug, er mußte sich nicht noch künstlich verrückt machen, indem er sich den Kopf zerbrach über Dinge, die ohnehin nie wirklich wichtig gewesen waren. Zum Beispiel, wann es angefangen hatte. Niemand wußte das, und was ihn betraf, so wollte er es gar nicht wissen.
Wieso sollte er sich verrückt machen?
Beinahe gleichgültig bemerkte er, daß er sich während der letzten halben Stunde nun auch den linken Daumennagel blutig gebissen hatte. Stiefelgepolter, harsche Befehle, Lärm von der Straße riß ihn zurück in die Realität, über die er lieber nicht nachdachte. Er lief ans Fenster, sah Soldaten, die ein halbes Dutzend junger Burschen zusammentrieben, mit den Gewehrkolben voran stießen, an die Wand des Altbaus gegenüber drängten. Plünderer. Anfangs hatte man es durchgehen lassen, aber nun, dem Ende zu, wurde rigoros durchgegriffen. Er kannte diese Burschen, schon immer hatten sie Unruhe im Viertel gestiftet, und einmal hatten sie ihm die Radkappen geklaut. Mindestens einmal.
Fasziniert sah er zu, wie ihnen die Soldaten die Augen verbanden. Jemand schrie etwas, was sich wie "Ihr Schweine!" anhörte, die Soldaten traten zurück, für einen Augenblick erstarrte die Szene: die Burschen mit den verbunden Augen lehnten an der staubigen Hauswand, als hätten sie noch alle Zeit der Welt, während die Soldaten ihre Maschinenpistolen lässig im Arm hielten, wie bei einer Übung, lässig, aber nicht schlampig, wohlgeübt. Zwei, drei Atemzüge vergingen. Dann eine Bewegung, der Unteroffizier hob die Hand, und gleichzeitig bellten die Maschinenpistolen los. Blut spritzte über die Hauswand, elendig viel Blut, und der wollte nicht mehr an seine Radkappen denken, ihm war nur noch übel. Er wandte sich ab, schloß die Augen, hörte die dumpfen Geräusche, als man die Leichen auf den Lastwagen warf. Dann ein zischen und klatschen - obwohl er nicht hinsah wußte er, daß die Soldaten nun mit dem Wasserschlauch die Mauer reinspritzten. Wenn alles getrocknet war, würde nur noch das eine oder andere Einschußloch im Putz an die Exekution erinnern.
Es dauerte eine Weile, bis sich sein Magen wieder beruhigt hatte, und mit dem Schwinden der Übelkeit kam die Angst zurück.
Wieder strich ihm dieser faulige Geruch um die Nase, süß und widerwärtig. Anfangs hatte er gedacht (sich eingeredet, was ein Unterschied ist), es sei eine defekte Kühltruhe, herrenlos ihrem Schicksal überlassene Vorräte. Den wahrscheinlicheren Grund hatte er verdrängt. Daß es nämlich auch hier, im Haus, Selbstmorde gegeben hatte. Nicht jeder hielt diese Anspannung aus. Hatte es nicht vorgestern, ganz in der Nähe, zweimal, mit einem häßlichen Zögern dazwischen, geknallt? Er hatte sich mit dem Gedanken an eine Fehlzündung beruhigt (zu beruhigen versucht, denn er wußte ganz gut, wie gering die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlzündung war bei den wenigen Fahrzeugen, die jetzt noch fuhren). Aber schon da hatte er an den Nachbarn denken müssen, zwei Stockwerke tiefer. Der Nachbar hatte eine Pistole (der Knall!) und eine Frau (zweiter Knall!), und als er heute mittag an dessen Wohnungstür vorbeigekommen war, schimmerte immer noch Lampenlicht unter dem Türschlitz hervor.
Was man in so einem Fall tat? Sollte er anrufen? Hatten die Sicherheitskräfte überhaupt noch genug Leute, um sich solcher Dinge annehmen zu können? Wer war überhaupt zuständig?

Resigniert wischte er den Gedanken beiseite - der Nachbar hätte es gewußt, der war selbst bei der Polizei gewesen. Der Gedanke, daß selbst Polizisten sich erschossen, trug nicht gerade zur Aufhellung seiner Stimmung bei. Hatte der Nachbar etwas gewußt, was er nicht wußte, etwas, was man nicht allgemein bekannt gab, das nur die Sicherheitskräfte wissen durften? Und was mochte das sein, daß es sogar ein derart plumber, phantasieloser Mensch wie der Nachbar nicht mehr hatte ertragen können?
Ein gellender Schrei, ein Hilferuf. Er blickte unangenehm berührt auf, wußte einen Augenblick nicht, was zu tun sei, dann hörte er die Schüsse, eine knapp kalkulierte Salve, und für einen Augenblick konnte er wieder den Unteroffizier sehen, wie der die Hand hob.
Plünderer. Er konnte es nicht verstehen, wieso diese Leute so etwas taten, immer nur an sich dachten und nie an die anderen. Plünderer. Was dachten die sich überhaupt?
Dann fiel ihm der Nachbar wieder ein und er konnte es nicht verhindern, daß er sich die Szene vorstellte: der blutbespritzte Küchentisch, voll von eingetrocknetem, gestocktem Blut, darüber das, was von den Köpfen der beiden Leichen noch übrig sein mochte, vielleicht lagen sie auch am Boden, egal, die Vorstellung wurde davon nicht besser. Er wußte, was eine großkalibrige Pistole ausrichten konnte, seitdem er gesehen hatte, wie damals im Urlaub dieser Jäger den Hund erschossen hatte. Viel Hund war nicht übrig gewesen, und das meiste davon hatte in den Zweigen des Gebüschs gehangen. Und es war ein großer Hund gewesen.
Zum Teufel, was ging ihn überhaupt der Nachbar an, was saß er hier und grauste sich wegen dieses unmöglichen Kerls? Reichte es nicht, wenn das ganze Haus stank?
Und wie es stank! Es kam ihm so vor, als nähme der Gestank mit jeder Stunde zu. Wie war das überhaupt mit Leichen, mit der Verwesung? Wie lange dauerte es, bis der Nachbar richtig stank?
Er beschloß, das Haus zu verlassen, etwas frische Luft zu schnappen und bei der Gelegenheit zur Botschaft hinüberzugehen.

Es war still in der Straße. In alter Gewohnheit blickte er in beide Richtungen, ehe er den Fahrdamm überquerte, aber die Mühe hätte er sich sparen können: heute war gerade ein Auto durchgekommen, und das war der LKW der Soldaten gewesen. Er blickte mit einem unguten Gefühl die Fassaden hoch, sah nur geschlossene Fenster, herabgelassene Jalousien, und wo es keine Jalousien gab, waren die Vorhänge vorgezogen. Kein Zeichen von Leben, nirgends.
An der Botschaft war es gottseidank anders. Von weitem hörte er schon Stimme, laute Rufe, das Poltern von schweren Lasten, das Quietschen eines Flaschenzugs. Er kam gerade hinzu, als man durch ein Loch in der Fassade einen Safe aus dem dritten Stock herabhievte. Fasziniert starrte er hinauf, wo der tonnenschwere Stahlkoloß wie schwerelos am Himmel hing. Dann hörte er das Knarren der Drahtseile, das gequälte Ächzen der Maschinerie, und er trat eine Schritt zur Seite, hielt sich in respektvoller Entfernung, bis der Safe sich auf der Ladefläche des LKWs niedergelassen hatte und man mit geübten Griffen die Stahltrossen löste.
"Na, auch schon am Packen?" rief er dem Hausmeister der Botschaft zu, mit dem er sich über die Jahre ein wenig angefreundet hatte und der jetzt die Verladearbeiten beaufsichtigte.
"Schon fast fertig!" erwiderte der Hausmeister stolz. "Das ist die letzte große Fuhre, der Rest ist nur noch Kleinzeug!"
Einen Augenblick war ihm, als hätte er einen Schritt ins Leere hinein getan, er biß die Zähne zusammen, lächelte tapfer.
"Da werden Sie aber froh sein, nicht? Ist ja keine kleine Sache, so eine Botschaft, nicht wahr?"
"Oh nein!" erwiderte der Hausmeister, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. "Man glaubt ja gar nicht, was sich in einem solchen Bürogebäude alles ansammelt! So eine Botschaft, das ist ja von allem etwas, praktisch ein Land im Kleinformat, könnte man sagen!"
Der Hausmeister gab den Arbeitern einige Anweisungen, den Safe betreffend, dann wandte er sich wieder seinem Bekannten zu.
"Wir sind, glaube ich, die letzten, die dichtmachen. Die anderen sind schon alle fort, die haben's hinter sich. Und - wann ist's bei Ihnen so weit?"
"Weiß nicht - ich habe noch keinen Bescheid bekommen", erwiderte der Besucher vage.
"Wird schon noch komme - jeder kommt an die Reihe, da können Sie sich darauf verlassen, da muß keiner dableiben, da sehen die schon drauf!" verkündete der Hausmeister.
"Ich weiß nicht - bei einer solchen Aktion kann doch auch mal eine Karteikarte unter den Tisch fallen oder sowas. Wie man so hört, wird die Zeit allmählich knapp!"
"Ach was! Die geben immer noch eine Sicherheitsreserve zu, das machen die so! War doch hier, bei uns, in der Botschaft auch so! Sie können mir glauben, ich weiß da Bescheid! - Kommen Sie, trinken wir noch einen, was meinen Sie?"
Er wies einladend auf die Treppe.
"Ich weiß nicht recht..."
"Ach was! Oder haben Sie heute noch etwas dringendes zu erledigen? Nicht? Also sehen Sie!"
Etwas unbehaglich folgte der Gast dem Hausmeister über die verwüsteten Korridore. Bisher hatte er das Botschafsgebäude nie betreten dürfen, und jetzt war es kaum mehr als eine Ruine: alles, was nicht niet und nagelfest war, hatte man herausgerissen, sogar hier und da die Türstöcke. "Weiß auch nicht, zu was das gut sein soll, aber so machen's die eben", kommentierte der Hausmeister achselzuckend.
"Wenigstens ist die Kantine noch so halbwegs beieinander! Hier lang, kommen Sie!"
Dann saßen sie in an einem mit Mörtelstaub bedeckten Tisch, der Hausmeister hatte mit dem Ärmel seines Overalls notdürftig einen Fleck freigewischt, bevor er das Bier holen ging.
"Tja, jetzt sind's wohl an die zwanzig Jahre, daß wir uns kennen", sagte der Hausmeister und prostete seinem Gegenüber zu. "Lange Zeit, nicht?"
"Lange Zeit, kann man sagen", erwiderte der Gast.
"Nöja, so ist das eben! Auch noch ein Bier?"
Der Hausmeister trank schnell und sprach wenig. Der Gast hatte sein Bier noch nicht ausgetrunken, als im vorderen Teil der Kantine die Arbeiter mit dem Abbau der Einrichtung begannen. Als sie hinausgingen, konnte er sehen, wie sie den Zapfhahn brutal aus der Schanktheke rissen, ein unangenehmer Anblick, wie eine Kastration, sozusagen.
"Tja, jetzt ist das also zu Ende", sagte der Hausmeister und wies vage in die Runde. "Kommen noch ein, zwei LKWs für den Kleinkram, dauert gerade noch zwei Stunden, wenn's viel ist, dann werde ich hier nicht mehr gebraucht."
"Und - wann gehen Sie?"
"Gleich heute noch. Hier jedenfalls möchte ich nicht mehr bleiben!" Er lachte trocken und zündete sich eine Zigarette an. "Auch eine?"
"Nein, ich hab's aufgegeben."
Der Hausmeister zündete seine Zigarette an, der Besucher verabschiedete sich, ging traurig die Straße hinunter. Noch immer hatte er das Bild der ausgewaideten Korridore vor sich, den staubbedeckten Tisch und diesen Geruch in der Nase, der mehr noch als alles andere auf den Umbruch hinwies.
Als er um die Ecke gebogen war, drangen die Geräusche von der Botschaft nur noch gedämpft an sein Ohr, dafür hallten nun seine Schritte unnatürlich laut und hart von den Häuserwänden wider. Überall waren die Fenster geschlossen, die Gehsteige waren frei, nirgends parkte ein Auto, zumindest keines, das fahrbereit gewesen wäre. Nur noch die Wracks waren zurückgeblieben.
Und er.
Er und seine Angst. Er fragte sich oft, ob auch die anderen unter derselben Angst litten, d.h. dieselbe konnte es kaum sein, die Angst war, dachte er, so verschieden, wie die Menschen es waren. "Hallo! Hallo! Hören Sie? Kennen Sie mich nicht mehr?"
Der Mann war ihm nachgelaufen, hielt ihn am Ärmel gepackt, und jetzt erst, aus seinen Gedanken gerissen, bemerkte er den kleinen Kahlen, der im Haus nebenan wohnte. Er hatte gedacht, das Haus sei schon seit Anfang unbewohnt, wäre als eines der ersten evakuiert worden.
"Oh! Ich dachte, Sie seien schon fort!" staunte er.
Der Kahle schüttelte den Kopf, er schien über die Anwesenheit des anderen zwar erleichtert, zeigte aber dennoch ein unstetes Funkeln in den Augen.
"Die meisten bei uns im Haus, das heißt, alle, bis auf mich, die sind fort", erwiderte er. "Aber mich haben sie wohl vergessen. Sagen Sie, kann es sein, daß sie jemanden vergessen?"
Er schüttelte den Kopf. "Nicht bei den modernen Verwaltungsmethoden. Da wird keiner vergessen, oder wurde jemals jemand bei der Steuer vergessen?"
"Bei der Steuer?"
"Na sehen Sie! Da können sie ganz unbesorgt sein!"
"Das sagen Sie so einfach! Wissen Sie, wie lange ich schon alleine im Haus lebe? Aber was erzähle ich Ihnen, Sie sind ja auch noch da! Ich sollte Sie wirklich nicht mit meiner Panik anstecken, ist lächerlich, ist lächerlich..."
Doch er sah so aus, als wären ihm seine Besorgnisse keineswegs lächerlich.
"Es ist ja schön, wenn Sie es selber einsehen! Immerhin kann es nicht mehr lange dauern, bis auch wir an der Reihe sind. Die planen ja außerdem mit einer Sicherheitsreserve, da kann nichts schief gehen." "Mag ja sein - aber wieso kommen wir erst so spät dran? Haben Sie sich das noch nie gefragt?"
"Das ist...Zufall, nichts als Zufall!" erwiderte er, der natürlich schon darüber nachgedacht und zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen war, was er freilich so einfach nicht zugeben wollte. "Wenn Millionen von Menschen evakuiert werden, dann sind immer welche zuerst dran, und andere bilden das Schlußlicht. Gleichzeitig ist völlig unmöglich, verstehen Sie!"
Der andere schüttelte angestrengt - ja: angestrengt - den Kopf.
"Das glaube ich nicht! Die haben was über mich in den Akten, das weiß ich! Von damals, Sie wissen schon, Sie waren doch damals..."
"Nicht so laut!" unterbrach ihn der andere. "Ich weiß, was Sie meinen! Aber das ist doch schon so lange her, da denkt doch keiner mehr daran, das spielt doch alles keine Rolle mehr, ich bitte Sie!"
"Meinen Sie? Glauben Sie wirklich, die schmeissen freiwillig ihre Akten weg? Wieso sollten sie! Nein! Die haben nur darauf gewartet, daß sie es uns heimzahlen können! Und das tun sie jetzt - indem sie uns einfach hier 'vergessen', verstehen Sie? Sieht aus wie ein Versehen, kümmert keinem - nicht jetzt und nicht später!"
Sie sprachen nicht mehr, bsi sie den Hausflur erreicht hatten. An der Tür blieb der Kahle mit einer hilfeheischenden Geste stehen, blickte seinen Begleiter an, entsetzter Blick, wie ein Kind, das plötzlich feststellte, daß all die schlimmen Sachen aus dem Fernsehen wirklich passieren.
Er war froh, als der Kahle endlich hinter seiner Wohnungstür verschwunden war und er selbst wieder hier, inmitten seiner eigenen vier Wände, saß. Die Angst des Kahlen ließ ihn eine Weile seine eigene vergessen.
Aber dann kehrte sie zurück - gerade, als er dachte, wie lächerlich doch die Furcht des Nachbarn sei, nicht abgeholt zu werden. Natürlich würde er abgeholt werden - das war's ja gerade - das war's ja, was er fürchtete! Wohnin würde man sie bringen, wo gab es einen Flecken Erde, wo sie alle Platz finden würden? Oder würde es eher unter einem Flecken Erde sein? Wieder fiel ihm das Gesicht des Unteroffiziers ein, wie er die Hand hob. So einfach war das.
Da hörte er, wie es schellte beim Nachbarn. Schwere Stiefel, Gemurmel - man holte ihn ab.
Ob der Kahle sich jetzt freute? Er beugte sich aus dem Fenster, für einen Moment begegneten sich ihre Blicke, als der Nachbar zum Wagen geführt wurde.
Und dieser Blick offenbarte das Sonderbarste überhaupt: auch der Nachbar schien zu ahnen, wie die Reise ausgehen würde. Und dennoch hatte er nichts mehr gefürchtet, als vergessen zu werden, nicht mit dabei zu sein, einem ungewissen Schicksal hier, in der Stadt, ausgeliefert zu sein.
Irgendwie erleichtert schloß er das Fenster, als drunten die Wagentür zuschlug, der olivgrüne Kastenwagen mit grollendem Diesel anfuhr.
(c) 1994 by Dieter Nennhuber. Alle Rechte vorbehalten.
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